Menhire in Glauben und Brauchtum

In heidnischer Zeit als Kultsteine, Mahnmale oder Idole verehrt, dürften Menhire mit der Einführung des Christentums der Kirche ein Dorn im Auge gewesen sein. Eine Verehrung von Steinmonumenten konnte nicht geduldet werden.

Immer wieder mussten Missionare und Priester mit ansehen, welche Anziehungskraft die in heidnischer Tradition stehenden Steine auf die Bevölkerung ausübten. So ist es durchaus verständlich, dass insbesondere die katholische Kirche das mit den Menhiren verbundene Brauchtum erbittert bekämpfte. Auf mehreren Konzilien wurde der Steinkult verdammt. Synodalbeschlüsse wie beispielsweise die von Arles (452), Tours (567), Nantes (658) und Mainz (743) warnten vor der Sünde, den Steinen zu opfern. Bei Nichtbefolgung wurde sogar mit Exkommunizierung gedroht.

Auf dem Konzil von Nantes erfolgte die Weisung, diese heidnischen Steine auszugraben und verschwinden zu lassen.

391/392 hatte Theodosius I. (347–395) alle heidnischen Kulte verboten und die katholische Lehre zur Staatsreligion erklärt.

Dennoch lebte die Verehrung der Menhire als Götteridole vielerorts weiter. Viele Steine wurden durch Priester zerstört, beschädigt oder vergraben. Die Vermutung drängt sich auf, dass es sich bei diesen Handlungen um die letzten Erinnerungen an ein im Alten Testament weitverbreitetes Tabu handelt, kultische Steinmale als bildliche Darstellung Gottes aufzustellen.

Hier im Alten Testament werden so genannte „Masseben“ (= Malsteine) erwähnt, von Menschenhand aufgerichtete Steine mit religiöser Bedeutung. Es sind Weihe- oder Kultsteine, die zur Erinnerung an besondere Ereignisse oder zu Ehren großer Persönlichkeiten aufgestellt wurden. Wir werden hier an eine Geschichte aus dem 1. Buch Moses erinnert. Jakob, zweiter Sohn Isaaks und einer der Stammväter Israels, schlief an einem Stein, der ihm als Kopfkissen gedient hatte. Als er erwachte, bemerkte er, dass Gott anwesend war. Jakob nahm den Stein, stellte ihn auf, übergoss ihn mit Öl und nannte den Ort „Bethel“, d. h. „Haus Gottes“.

„Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal“, gelobt Jakob, „soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.“ (1.Buch Mose 28, 22).

An anderer Stelle wird berichtet, dass, nachdem Jakob Gottes Verheißungen empfangen hatte, er „ein steinernes Mal auf an der Stätte errichtete, da er mit ihm geredet hatte, und goss Trankopfer darauf ...“ (1.Buch Mose 35,14).

Hier findet also die Verehrung Gottes in Form eines aufgerichteten Steines statt.

Im Laufe der verschiedenen religionsgeschichtlichen Epochen erfahren die Masseben sehr unterschiedliche Bewertungen. Die ehemals Weihe- oder Kultsteine werden zu heidnischen Monumenten, die mit der christlichen Religion unvereinbar sind. „Ihr sollt Euch keine Götzen machen und euch weder Bild noch Steinmal aufrichten ...“ (3.Buch Mose 26,1).

Mit den Kulturreformen der Könige Hiskias (ca. 719–691 v. Chr.) und Josias (ca. 639–609 v. Chr.) von Juda wurden die Masseben vernichtet (2.Buch Könige 18,4 und 23,14).

Ungeachtet des Verbotes und der Bekämpfung der Steinverehrung sind dennoch viele Masseben erhalten geblieben.

Eines der ältesten archäologischen Belege ist eine Massebe aus Jericho, eine Stadt in Palästina, die zu den frühesten stadtähnlichen Siedlungen gehört und deren Ursprung sich bis ins 9. Jahrtausend v. u. Z. zurückverfolgen lässt.

In die Bronzezeit datiert die Massebenreihe aus Geser, einem Tell südöstlich von Tel Aviv. Dort sind zehn Steine aufgereiht.

Auf einer Münze schließlich aus dem Jahr 217 n. Chr. ist das Heiligtum von Byblos mit einem aufgerichteten Stein dargestellt. Byblos (griech. biblos = Buch), eine ehemalige Stadt im Libanon, war ein bedeutender Umschlagplatz im Papyrushandel zwischen Ägypten und Griechenland.

Das Christentum, das die Menhire anfänglich als heidnisch ablehnte, konnte jedoch auch durch kirchliche Weisungen und Verbote keinen durchschlagenden Erfolg erzielen. Deshalb versuchte man, einen anderen Weg einzuschlagen. Nicht durch Vernichtung und Zerstörung der Menhire sondern durch die Integration in die christliche Glaubenswelt sollte eine allmähliche Annäherung erfolgen. Dies geschah auf unterschiedliche Weise. Durch Aufsetzen eines Kreuzes oder durch Eingravierung christlicher Symbole versuchte man, die Steine in den Dienst der eigenen Religion zu stellen. Man „christianisierte“ die Steine. So wird dem angelsächsischen Missionserzbischof Willibrord (658–739) zugeschrieben, den oberen Teil des Monolithen von Bollendorf, Kr. Bitburg-Prüm, in ein christliches Symbol, dem „Fraubillenkreuz“, umgewandelt zu haben.

Zu den berühmtesten „christianisierten“ Steindenkmälern gehört der Menhir von St.-Duzec an der bretonischen Nordküste. Der acht Meter hohe Stein wird gekrönt von einem Steinkreuz. Die Vorderseite trägt reliefartig eingravierte christliche Symbole und Marterwerkzeuge der Passion aus dem Jahre 1676. Heute deutet man diesen Felsblock mit seinen Darstellungen als sichtbares Zeichen für den Sieg des Christentums über die Macht der alten Götter.

Weniger aufwendig nimmt sich die „Christianisierung“ des „Langen Steines“ aus dem rheinhessischen Ober-Saulheim aus. Im oberen Drittel ist eine Nische zur Aufnahme eines christlichen Heiligenbildes eingehauen. Sie kann nach ihrer Form in die späte Gotik datiert werden.

Andere Menhire wurden in den Dienst des neuen Glaubens gestellt, indem man sie in Kirchen verbrachte.

Eine weitere Form der „Christianisierung“ erfuhr der „Lange Stein“ von Kirchhain-Langenstein im Kreis Marburg-Biedenkopf. Er ist der höchste Menhir Hessens und steht dicht neben der Kirche, teilweise in die Kirchhofsmauer einbezogen, „was doch wohl ein Hinweis darauf ist, dass manche dieser Steine bis in die Zeit der Christianisierung in gewisser Weise ihre alte Bedeutung bewahrt hatten, so dass es geraten schien, sie in den christlichen Bereich einzubeziehen und so dem Christentum entgegenwirkende Kräfte aufzufangen.“

An dieser Stelle sei die Lebensbeschreibung des Samson v. Dol erwähnt, eines keltischen Heiligen, der Ende des 6. nachchristlichen Jahrhunderts Gallien, das heutige Frankreich, bereiste. Auf seinem Weg von Wales in die Bretagne, wo er die Kirche von Dol, deren Namen er übernimmt, gründet, durchquert er Cornwall und wird Zeuge von Einheimischen, die um einen Menhir tanzen. Er verurteilt diesen heidnischen Brauch und lässt den Stein zerstören.

Man ist erinnert an den Angelsachsen Bonifatius, Bischof und späteren Patron des Bistums Fulda, der zu Beginn des 8. Jahrhunderts ein vorchristliches Heiligtum zerstörte. Nach einer Legende fällte er die Donareiche, das zentrale Baumheiligtum Hessens, und baute aus dem Holz eine Kirche.

Trotz vielfältiger Missionierungsversuche haben sich viele heidnische Vorstellungen und Bräuche bis in unser Jahrhundert in der Bevölkerung erhalten. Bereits im 13. Jahrhundert wird urkundlich erwähnt, dass sich einige Menhire zu hohen Feiertagen drehen können. Legt man das Ohr an bestimmte Menhire, so sind Weh- und Klagelaute zu vernehmen. Für viele waren und sind die Steine auch heute noch Träger übernatürlicher Kräfte.

Wir kennen Steine in der Bretagne, die Mittelpunkt von Fruchtbarkeitsriten sind. Segensreicher Einfluss auf Liebe und Kindersegen wird denen zuteil, die die Steine intensiv berühren. So wird berichtet, dass der Menhir von St. Cado bei Ploërmel sterile Frauen fruchtbar mache, wenn sie ihren Schoß an einer bestimmten Stelle des Steines reiben. Noch im vorigen Jahrhundert vereinigten sich kinderlose Paare im „Bannkreis“ fruchtbarmachender Steine. In der Gegend von Carnac wurden Steine von älteren kinderlosen Ehepaaren umtanzt, während sie den Wunsch nach Erben aussprachen. Rituelle Tänze im Kerzen- und Fackelschein sowie die Salbung mit Öl sollten die fruchtbar machende Wirkung der Menhire verstärken.

Mit den Menhiren ist die Vorstellung von einst lebenden Wesen verbunden, die geheimnisvolle Kräfte besitzen. Deshalb muss ihnen Respekt gezollt werden. Sie flößen dem Vorübergehenden Ehrfurcht ein. Gedroht wird demjenigen, der etwa mit einem Messer die Steine beschädigt. Gegen ihn wird sich alsbald das Messer selbst richten.

Wer Menhire zerstört, so der Volksmund, erleidet den Tod, eine Prophezeiung, die sich auf tragische Weise am „Langen Stein“ von Ober-Saulheim, Kr. Alzey-Worms, erfüllen sollte. Bei dem Versuch diesen Stein in der Weihnachtszeit 1883 zu schleifen, ließen zwei Männer ihr Leben. Noch heute erzählt man sich in der Gegend, dass dieser Stein jeden erschlägt, der ihn umzulegen versucht.  

Manche Menhire sind zu Wallfahrtsorten geworden. Kranke, die die Steine berühren, erhoffen sich Heilung, diejenigen, die am Fuß der Steine nächtigen, wachen morgens auf, erlöst von ihren Leiden. Die Menhire hatten also nicht nur einen segensreichen Einfluss auf Liebe und Kindersegen, sondern man sprach ihnen auch Heilkräfte zu. Wurden bestimmte Steine auf allen Vieren umkrochen oder berührte man sie mit den betroffenen Gliedmaßen, so nahm der Stein die Schmerzen und Beschwerden. Auch zum „Gollenstein“ von Blieskastel im Saarland hat es religiöse Prozessionen gegeben. Der Stein ist durch eine Nische „christianisiert“ und mit dem Relief einer menschlichen Figur versehen, möglicherweise die Darstellung des Ortsheiligen Sebastianus. Am Stein selbst lassen sich magische Praktiken und rituelle Verhaltensweisen beobachten.

Der Glaube an die Macht der Steine manifestiert sich auch heute noch gelegentlich in bestimmten Praktiken. So fand der Verfasser bei einem Besuch in Ober-Saulheim eine brennende Grableuchte zu Füßen des Menhirs.

Ein sehr eindrucksvolles Schauspiel spielt sich alljährlich in der Nähe von Mekka, dem islamischen Hauptwallfahrtsort ab. Dort steht die Steinsäule „Dschamarat al-Aqba“, ein heiliger Ort, den die Moslems auf ihrer jährlichen Hadsch besuchen. Dieser Steinobelisk wird von den Gläubigen „gesteinigt“, da er den Teufel symbolisiert.


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Leseprobe aus dem Taschenbuch "Das Rätsel der Menhire" von Dr. Detert Zylmann
www.menhire-hinkelsteine.de

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