| Vor der EU-Ratspräsidentschaft: Zwei Seelen in der Brust der Österreicher |
|
Die Alpenrepublik profitiert von der EU, mag sie aber nicht
Stuttgart/Wien – Am 1. Januar 2006 übernimmt Österreich den Vorsitz in der Europäischen Union (EU). Das kleine Land ist überzeugt davon, den EU-Ratsvorsitz besser auszufüllen als die phantasielosen und egoistisch auftretenden Briten. „Strotzend vor Kraft“, so lautet die Überschrift der Süddeutschen Zeitung (SZ) http://www.sueddeutsche.de: Getragen von einer guten Wirtschaft, wolle die Wiener Regierung sogar die heikle Verfassungsfrage angehen. Die Situation ist paradox: Kaum ein Land profitiert so sehr wie Österreich von der EU, und doch sind nur 32 Prozent der Bewohner des Alpenlandes der Meinung, dass die Brüsseler Gemeinschaft ihnen nütze.
Österreich ist nicht nur dank mutiger Wirtschaftsreformen und der eigenen Tatkraft zu einem ökonomischen Musterland mit extrem niedriger Arbeitslosigkeit geworden. „Das Land ist durch den Beitritt zur Union und durch die Osterweiterung von der Peripherie ins Zentrum gerückt. Immerhin rund 1.000 ausländische Firmen koordinieren von Wien aus ihre Geschäfte in Mittel- und Osteuropa“, sagt Helmut Reisinger, Geschäftsführer des Stuttgarter IT-Dienstleisters Nextiraone http://www.nextiraone.de, der selber Österreicher ist. Deutschland, der ehemalige Vorzeigekandidat, sei hingegen wegen der Wiedervereinigung kurzfristig zurückgefallen und zum Opfer der eigenen Erfolgsgeschichte geworden.
Doch die Anforderungen an die Regierung Schüssel werden nicht primär wirtschaftspolitischer Natur sein. Bei der Erweiterung der EU werden sich Wolfgang Schüssel und die smarte Außenministerin Ursula Plassnik (beide ÖVP) vor allem als Sachwalter der Länder des Balkans und Südosteuropas verstehen. Wie kein anderes Land in der EU hat sich die Alpenrepublik auch gegen einen Beitritt der Türkei ausgesprochen: andere, insbesondere größere Länder denken zwar genauso, haben aber nicht den Mut, mit Ankara Tacheles zu reden. Im Mozartjahr 2006 kann sich Wien also auf internationaler Bühne präsentieren. Als kleines Land hat Österreich vielleicht mehr Chancen als Großbritannien, da es nicht im Verdacht steht, einseitige Interessen- oder gar Hegemonialpolitik zu betreiben.
|
| < zurück | weiter > |
|---|