| Marktwirtschaft, Föderalismus, Westbindung |
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Hans Jörg Henneckes fesselnde Biographie eines geistigen Vaters der sozialen Marktwirtschaft
Bonn/Düsseldorf - Manche Politiker lesen gern Biographien, da sie sich vom Studium des Lebens und Wirkens großer Frauen und Männer Anregungen für das eigene Tun erhoffen. Man wünscht sich, dass Hans Jörg Henneckes Buch über Wilhelm Röpke auf den Nachtschränkchen einer Angela Merkel, eines Peer Steinbrück oder eines Michael Glos liegt. Ludwig Erhard hat aus der Lektüre der Röpkeschen Schriften auf jeden Fall viel Mut und Kraft geschöpft, wenn seine brieflichen Mitteilungen an diesen nicht nur bloße Schmeichelei waren. Doch der damalige Wirtschaftsminister und spätere Kanzler brauchte die guten Ratschläge des liberalen Nationalökonomen Röpke wahrscheinlich weniger als die jetzigen Regenten.
Das Buch des jungen Privatdozenten Hans Jörg Hennecke lädt dazu ein, sich wieder mit einem der Väter der sozialen Marktwirtschaft zu beschäftigen. Kluge Köpfe wie Udo Di Fabio erkennen, dass in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein Schatz begraben liegt, den wir wieder ausgraben sollten. Röpke war einer der Initiatoren der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Bundesrepublik in der Ära Adenauer/Erhard. Bloßes Spezialistentum war ihm verhasst, der Elfenbeinturm war nicht seine Behausung. Er wirkte als Nationalökonom, Politikberater sowie als fleißiger und einflussreicher Publizist.
Nationalökonom, Politikberater und wirkmächtiger Publizist
Der vergangene Wahlkampf hat gezeigt: Mit der rein ökonomisch geprägten Sprache der Unternehmensberater können vielleicht die Hirne einiger Wähler, aber mit Sicherheit nicht die Herzen der breiten Masse erobert werden. Röpke war mehr als ein bloßer Ökonom und beschäftigte sich als jemand, der feste gesellschafts- und ordnungspolitische Vorstellungen hatte, mit den Fragen „jenseits von Angebot und Nachfrage“. Henneckes Biographie ist klar strukturiert und sehr gut formuliert. Auf knapp 300 Seiten berichtet der Autor über den steilen akademischen Aufstieg seines Protagonisten, über seine Auseinandersetzungen mit dem staatsgläubigen rechtskonservativen „Tat“-Kreis, das Exil in der Türkei, seinen Einsatz als „Erhard-Brigadier der ersten Stunde“, seine politischen Einlassungen und Grabenkämpfe mit denjenigen, die außer dem Markt nichts gelten lassen wollen. Am Ende seines Lebens wurde Röpke dann zum zornigen alten Mann, der trotz schwerer gesundheitlicher Rückschläge bis zum Schluss hoch produktiv und streitlustig blieb.
Es wäre schlimm geworden, wenn ein Langweiler zum Porträtisten dieses bedeutenden Denkers geworden wäre, doch davon ist der Autor weit entfernt. Erst 1971 geboren, ist Henneckes Buch über Wilhelm Röpke bereits seine dritte eigenständige Buchveröffentlichung. Zuvor hatte er sich mit Friedrich August von Hayek und einer ersten Bilanz der Regierung Schröder beschäftigt. Hennecke schreibt flott und gänzlich unakademisch, das macht die Lektüre zum Vergnügen. Doch es erscheint noch wichtiger, dass er ähnlich wie Röpke, der sich eindeutig zu einer „moralischen Wissenschaft“ bekannte, nicht vor klaren Urteilen zurückschreckt. Zudem profitiert das Buch davon, dass sein Verfasser nicht nur über wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisse verfügt, sondern Politische Wissenschaft lehrt. Denn Röpke lebte nicht wie andere liberale Ökonomen im Wolkenkuckucksheim, sondern war auch ein sehr politischer Kopf.
Was bleibt von Röpke?
Mit besonderem Gewinn für die aktuelle Situation liest man das Schlusskapitel „Was bleibt von Wilhelm Röpke?“ Manche Autoren ermüden den Leser, indem sie am Ende all das noch mal wiederkäuen, was sie auf den 800 Seiten zuvor auch nicht sagen konnten. Hennecke hingegen bringt Röpkes Vermächtnis auf den Punkt. Dass seine Methodik heute altertümlich wirkt, liegt an der „weitverbreiterten Mathematisierung und Spezialisierung in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“: „Über die Krise der modernen Ökonomie sagt dies allerdings mehr aus als über Wilhelm Röpke.“ Denn dieser warnte vor einseitigem Spezialistentum – man könnte auch von Fachidioten sprechen – und war ein glühender Anhänger einer praktischen und moralischen Wissenschaft. Es verwundert nicht, dass er sich von den einseitigen Liberalen oder Libertären abgrenzte, deren bisweilen utopischen Gedankenspiele sich noch nie dem Praxistest unterziehen mussten. Mit Privatisierungsorgien allein ist nämlich noch kein Staat zu machen, so ließe sich kalauern.
Röpkes Ideen stehen für die besten Traditionen der alten Bundesrepublik, die auf dem Dreilang von Marktwirtschaft, Föderalismus und Westbindung basierten. Sein Konzept eines mitfühlenden Konservatismus ist jedoch nicht kompatibel mit den Zuständen, die wir mittlerweile in Deutschland erreicht haben. Ein Mischsystem aus Marktwirtschaft und Sozialismus hätte Röpke nicht akzeptiert. Es sind Zweifel angebracht, ob die Merkels und Müntes den Mut haben werden, das System der sozialen Marktwirtschaft wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ebenso große Zweifel sind angebracht, wenn es um die Europäische Union geht. Die europäische Integration, ja sogar die exzessive Erweiterung, ist inzwischen zum Religionsersatz und Selbstzweck geworden. Doch heute fehlt ein so scharfe Denker und Theoretiker wie Röpke, der in Büchern und Zeitungsaufsätzen sein Wort gegen solche fatalen Tendenzen erhebt. Hans Jörg Hennecke: Wilhelm Röpke. Ein Leben in der Brandung. 294 S. Schäffer-Poeschel Verlag: Stuttgart 2005, 49,95 Euro, ISBN: 3-7910-2451-5 |
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