Es gibt verflixt gute Journalisten,
die tolle Interviews führen können. Und es gibt Fragetechniken,
die eigene Interviews treffsicherer, spannender und tiefgreifender machen
können. Die Basics sind ganz einfach.
DER EINSTIEG
Ein Einstieg muss nicht
alles klären, den Interviewpartner sanft vorbereiten oder die Stimmung
lockern. Ein Einstieg ist dazu da, den Interviewten herauszufordern, den
Leser zum Lesen zu bringen und eine Erwartungshaltung aufzubauen.
Wenn ich ein Interview mit
dem Musikchef eines großen Senders führe, dann sollte meine
Einstiegsfrage nicht lauten: Wie sind sie zu dem Job gekommen? Wieviele
Titel sind in der Datenbank? Man muss dem Mann das Gefühl geben, dass
er hier nicht das erzählen soll, was er immer erzählt. Der Einstieg
muss überraschen: Was ist ihr Lieblingslied? Was war die tollste Promotion-Reise,
auf die sie eingeladen wurden? Welches Lied hätten Sie lieber nicht
aufgenommen?
Das Beispiel ist flapsig,
die Regel gilt aber auch bei Informationsinterviews: Wenn schon die Einstiegsfrage
vom Interviewten erwartet wird, ist es ganz schön schwer, ihn aus
der Reserve zu locken und die Leser zum weiterlesen zu bringen. Ein Interview
muss Persönlichkeit haben.
DIE
FRAGETECHNIKEN
Jetzt wird es eigentlich
erst richtig spannend. Fragetechniken, eigentlich sollte es Fragekunst
heißen. Die Techniken sind erst das Handwerk, die Kunst ist es, je
nach Situation und Gesprächsablauf die richtigen Fragen zu stellen.
Diese Liste beginnt mit den Grundlagen und kommt am Ende zu ganz speziellen
Techniken.
Fausregel:
- Langschweifige Fragen
provozieren lange Antworten, kurze Fragen (Stakkatofragen) provozieren
kurze, präzisere Antworten.
die
offene Frage
Definition: Eine
Frage, die keine Ein-Wort-Antwort zulässt (vor allem nicht: Ja oder
nein)
Beispiel: Welche
Lösung der Finanzkrise haben sie im Kopf?
Wann? Wenn jemand
so gar nicht in die Puschen kommen will - bei dieser Frage kann er nicht
knapp antworten und macht sich zumindest Gedanken. Außerdem öffnet
man mit dieser Frage das Gespräch für Ideen des Interviewten.
die
geschlossene Frage
Definition: Eine
Frage, auf die man mit einem Wort antworten kann.
Beispiel: Wollen
Sie eine Steuerreform?
Wann? Wenn jemand
besonders viel und ausschweifend redet, kann man mit dieser Frage das Gespräch
"zuziehen" oder wieder auf den Punkt bringen. Allgemein ausschweifende
Gesprächspartner lassen sich mit kurzen, geschlossenen Zwischenfragen
zu kürzeren Antworten bewegen.
die
vorstellende Frage
Definition: Eine
Frage, der der Name oder die Funktion des Ansgesprochenen angehängt
wird.
Beispiel: Haben Sie
Angst vor der politischen Zukunft der CDU, Herr Steffel?
Wann? Wenn man einen
Sachverhalt unmittelbar mit der Person des Interviewten in Verbindung bringen
möchte. Auch ihm wird dann klar: Das ist eine Frage, die ich für
mich persönlich beantworten soll. Daß heißt: Diese Frageform
ist einerseits sehr massiv, verhindert aber andererseits manchmal, dass
die Leute sich in Allgemeinplätze flüchten.
die
Balkonfrage
Definition: Eine
Frage, der eine kurze Erklärung vorangestellt wird.
Beispiel: Die Steuerbelastung
der Unternehmer hat sich laut FAZ-Bericht vom Montag gegenüber dem
Vorjahr um 12% erhöht. Ist die deutsche Wirtschaft in Gefahr?
Wann? Wenn man den
Bereich abstecken will, indem der Gefragte antworten kann - oder - wenn
man den Leser kurz informieren will, was eigentlich Sache ist. Man vermeidet
damit, dass Mißverständnisse bei Leser oder Gefragtem entstehen.
Die Gefahr besteht darin, dass die Frage dadurch zu lang wird und die Dynamik
des Gesprächs den Bach runtergeht.
die
Autoritätsfrage
Definition: Eine
Frage, die Kritikpunkte anderer indirekt aufnimmt und zur Reaktion provoziert.
Beispiel: Das UNHCR
hat gestern die neue Flüchtlingspolitik als "gegen jede Menschenwürde"
abgelehnt. Was sagen Sie dazu?
Wann? Der Journalist
sollte sich hüten, eigene Kritikpunkte als Kritik vorzubringen. Wer
diese Frageform nutzt, bleibt nach außen hin Objektiv (nicht ich
kritisiere, sondern diese oder jene Quelle) und der Interviewte fühlt
sich nicht persönlich vom Journalisten angegriffen. Bei der einfachsten
Form wird nicht einmal die Quelle genannt: Kritiker behaupten, dass.. oder
ähnlich.
die
Stakkatofrage
Definition: Eigentlich
keine richtige Frageform, sondern allgemein ein kurzes Dazwischenfragen.
Beispiel: Wieviel
genau? Warum? An wen?
Wann? Wenn der Gefragte
wichtige Punkte umschifft oder auslässt, kann man seinen Redeschwall
unaufdringlich unterbrechen und ihn darauf aufmerksam machen. Eine solche
Frage sollte nie mehr als drei Worte enthalten.
die
Frage nach dem Fadenverlieren
Definition: Wer den
Faden verloren hat, sollte ihn mit diesen Fragen schnell wieder in die
Hand bekommen
Beispiel: Was meinen
Sie damit genau?
Wann? Wenn man den
Faden verloren hat, helfen einem Floskeln aus der Patsche: Eine gute Methode
ist, einen abstrakten Begriff aus der letzten Antwort des Interviewten
zu wiederholen (interkulturelles Zusammensein.), dann wird er ihn nochmal
erklären. Außerdem sinnvoll: Wie meinen Sie das? Können
Sie das mit einem Beispiel deutlich machen? Das kann man eigentlich immer
fragen, ohne dass die eigene Hilflosigkeit zu sehr auffällt.
SUGGESTIVE
TECHNIKEN
Diese Fragetechniken sollen
die Antwort des Gegenüber von vorneherein in eine bestimmte Richtung
lenken, sie sind mit Vorsicht zu gebrauchen und können schnell ein
schlechtes Licht auf den Interviewer werfen.
die
klassische Suggestiv-Frage
Definition: Einen
bestimmten Sachverhalt unterbewußt voraussetzen
Beispiel: Haben Sie
nicht auch manchmal das Gefühl, dass rot-grün manchmal unrealistische
Vorstellungen von Politik hat?
Wann? Die Frage zieht
den Gegenüber ins gemeinsame Boot: Glaubst Du nicht auch, ....? Psychologisch
ist es schwieriger, dieser Voraussetzung zu widersprechen, als sie einfach
- etwas variiert - zu übernehmen.
die
Alternativfrage
Definition: Eine
Frage, die eine Antwort auf eine Alternative einschränkt.
Beispiel:
Denken Sie, das neue Auto des Bundeskanzlers wird eher knallrot oder traditionell
schwarz?
Wann? Wenn man dem
Gegenüber eine Alternative vorgaukeln will (die in den meisten Fällen
so nicht gegeben ist). Die Fragetechnik basiert auf der Gesprächspsychologie:
Der Interviewte, vor eine Alternative gestellt, spürt eine Hemmung,
auf die Beispielsfrage mit "Ich denke, es wird grün" zu antworten.
die
Ja-Fragen-Straße
Definition: Ein psychologischer
Trick, der die Hemmschwelle für ein "Ja" erniedrigt.
Beispiel: Sie sind
58? Ja. Haben Sie Kinder? Ja. Kommen Sie gut klar mit Ihrer Partei? Ja.
Würden Sie gerne mal Bundeskanzler werden?
Wann? Wenn man eine
'heisse' Frage vorzubereiten versucht, kann man mit der Ja-Fragen-Straße
arbeiten. Indem der Interviewte häufig Ja gesagt hat, gewöhnt
er sich innerlich daran. Macht man das geschickt genug, kann man den Gefragten
dazu bringen, tatsächlich Ja zu sagen, wenn er Ja meint und eigentlich
ausweichen wollte.
NONVERBALE
TECHNIKEN
Unterbrechung
Kommt der Gegenüber
aus dem Reden nicht mehr raus, hebt man die rechte Hand. Das ist das Zeichen
für: Dazu will ich etwas sagen. Wenn das nicht hilft, versucht man
es mit Stakkatofragen (s. oben).
Anspornen
Für Gesprächsscheue
Interviewte: Nicken mit dem Kopf im richtigen Moment und eine leicht nach
vorn gebeugte Körperhaltung helfen, den Gegenüber zu motivieren,
ohne ihn zu stören.
Wer diese Techniken kennt,
kann mit jeder Interviewsituation souverän umgehen, ohne dass man
jahrelang üben muss. Das würde allerdings noch mehr bringen,
aber wie gesagt: Das waren die Basics.
Viel Erfolg! Mehr journalistisches Handwerkszeug findet ihr unter rechercheportal.de.
David Schubert, freier Journalist und Gründer von rechercheportal.de |